Gemeinsam mit HYDAC und ENGIRO – dem Elektroantriebsspezialisten innerhalb der HYDAC‑Gruppe – hat Eberspächer eine umfassende Nachrüstlösung für die Deutsche Bahn entwickelt, mit der sich die Klimaanlagen der bestehenden Dieselbusflotte modernisieren lassen. Im Zentrum des Projekts steht eine entscheidende Umstellung: das herkömmliche Kältemittel wird durch umweltfreundliches R290 ersetzt.
Seit Anfang 2025 ist Vanessa Fridrich Produktmanagerin bei Eberspächer. Zu ihren Aufgaben gehören insbesondere die Serieneinführung der neuen AC135‑Klimaanlagen, einschließlich der Planung und Umsetzung von Markteinführungsaktivitäten sowie der Identifikation relevanter Zielgruppen. Durch die enge Zusammenarbeit mit Marketing, Vertrieb und F&E stellt sie sicher, dass aus den technischen Produktvorteilen ein konkreter Nutzen für Kunden und Markt abgeleitet wird. Im Rahmen eines Interviews konnten wir Einblicke aus der Perspektive einer zentralen Projektbeteiligten gewinnen.
Motivation und Initiator des Projekts
Die Deutsche Bahn Nord suchte aktiv nach einer umweltfreundlichen Alternative zu konventionellen Klimatisierungslösungen. Wie Vanessa Fridrich erläutert, entsprang die Anfrage dem klaren Nachhaltigkeitsanspruch des Kunden und dem Leitgedanken: „Wir leben in einer Welt, in der wir ständig danach streben, nachhaltiger zu leben und zu handeln.“
Gemeinsam mit HYDAC entwickelte Eberspächer daraufhin eine Generatorlösung für eine innovative Klimaanlage, die mit dem natürlichen Kältemittel R290 arbeitet.
Zu den wichtigsten Treibern des Projekts zählten:
- regulatorische Vorgaben wie z.B. die Kigali‑Änderung des Montreal-Protokolls – sie ist ein internationales Abkommen zur schrittweisen Reduktion des Verbrauchs und der Produktion von Fluorkohlenwasserstoffen (FCKW),
- die Notwendigkeit einer deutlichen CO₂‑Reduktion,
- sowie das hohe Treibhauspotenzial und die steigenden Kosten herkömmlicher Kältemittel.
In einer vergleichenden Analyse unterschiedlicher Alternativen – darunter R744 und R290 – erwies sich R290 als die geeignetste Lösung, insbesondere aufgrund seiner hervorragenden Effizienz in Klimaanlagen, auch bei höheren Umgebungstemperaturen.
Eine wesentliche Erkenntnis aus Marktanalysen war zudem, dass Busse mit Verbrennungsmotor länger im Einsatz bleiben werden als bislang angenommen. Die naheliegende Konsequenz: Eine Lösung muss mit den vorhandenen Dieselfahrzeugen kompatibel sein – die Idee einer antriebstechnologieunabhängigen Nachrüstung war geboren.
Die Deutsche Bahn Nord fungierte als engagierter Pilotkunde und bestätigte damit frühzeitig die Marktbedarfe. Parallel diente die Busworld‑Messe als wichtiger Indikator für das Marktpotenzial. Dort konnten wir ein seriennahes Funktionsmuster vorstellen – inklusive des Nachweises, bereits einen Großkunden für die Lösung gewonnen zu haben. Die klar formulierten Anforderungen hinsichtlich Nachhaltigkeit, Kältemittelumstellung und Kosteneffizienz bildeten eine solide Grundlage für Kundengespräche und stießen auf großes Interesse. Dies unterstrich die hohe Priorität, eine Serienlösung zügig weiterzuentwickeln.
Von der Anfrage zur Marktreife in Rekordzeit
Der Projektstart erfolgte unscheinbar: In ersten losen Gesprächen zwischen der Deutschen Bahn und Eberspächer nahm eine Systemlösung mit R290 HVAC, Generator und Zwischenkreis sehr schnell Form an. Nach ein paar Iterationen und ersten Grundlagenversuchen war für alle sehr schnell klar: „Das wird klappen, das wollen wir“. Hierbei übernahm die HYDAC/ENGIRO die Rolle des Technologieberaters und Systemintegrators für Eberspächer.
Dabei setzten wir konsequent auf vorhandene Komponenten und unser Know-how im Wärmemanagement, um eine maßgeschneiderte Systemlösung zu konfigurieren – ohne alles von Grund auf neu entwickeln zu müssen. Der Proof of Concept wurde in Rekordzeit realisiert, gefolgt von einer intensiven Validierungsphase.
Nach umfassenden Labortests bei HYDAC wurde das System in Betrieb genommen, Leistungsdaten gesammelt und die Motorsteuerungslogik optimiert, um die dynamischen Lastwechsel eines Klimakompressors zuverlässig zu bewältigen.
Anwendungstests im Eberspächer‑Werk ermöglichten zusätzlich die Prüfung unter realitätsnahen und extremen Bedingungen. Zum Einsatz kamen moderne Klimakammern (bis 45 °C) sowie Bussimulatoren. Die Ergebnisse waren deutlich:
- Verbesserte Leistung: Das R290 basierte System lieferte eine spürbar stärkere Kühlleistung im Vergleich zur bisherigen Lösung.
- Messbare Kraftstoffersparnis: Der elektrische Antriebsstrang reduzierte den Kraftstoffverbrauch.
Die Plattformstrategie ermöglicht einen effizienten Rollout in andere Länder
Was als kundenspezifisches Projekt begann, entwickelte sich rasch zu einer Lösung mit globalem Potenzial. Der Systemkit adressiert zwei zentrale Nachrüstmärkte: Busse ohne Klimaanlage sowie Fahrzeuge mit veralteten und ineffizienten Systemen.
Die Präsentation auf der Busworld führte zu internationalen Anfragen im zweistelligen Bereich. Die Motivationshintergründe sind dabei regional unterschiedlich:
- Mexiko: Vorrangiger Treiber ist die nachgewiesene Kraftstoffersparnis.
- Europa: Im Vordergrund stehen regulatorische Anforderungen und die Nutzung natürlicher Kältemittel.
Vanessa Fridrich betonte die universelle Einsetzbarkeit: „Jeder Kunde steht vor einer einzigartigen Herausforderung – und diese eine Lösung ist so vielseitig, dass sie mehrere Probleme gleichzeitig lösen kann.“
Um die große Vielfalt der Busmodelle abzudecken, verfolgen wir eine Plattformstrategie mit derzeit maximal zwei Kit‑Varianten. Die Kernkomponenten von HYDAC – Generator, Steuerung und Kondensatorbox – bleiben dabei standardisiert.
Für HYDAC und ENGIRO markiert dieses Projekt einen weiteren Schritt im Rollout unserer Anwendungsfelder: vielseitiger Komponenten- und Systempartner im Bereich Elektrifizierung. Durch schnell umsetzbare Engineering-Lösungen und den Einsatz bewährter Standardkomponenten schaffen wir echten Mehrwert – insbesondere in Hybridanwendungen aus Diesel- und Elektroantrieben.


